ara – So wird ein Schuh draus

Wer kennt die Märchen nicht? Ob ‚Cinderella‘, ‚Der gestiefelte Kater‘ oder ‚Die Heinzelmännchen‘: in allen geht es um Schuhe. Im Februar begaben sich 20 ZWARler aus Wiescheid und Solingen nach Immigrath in die Schufabrik ara um Interessantes und Überraschendes, aber wenig Märchenhaftes festzustellen, wie Peter berichtet.

Schuhe werden von Mythen und Märchen umrankt, aber was ist dran am Schuh? Das wollte die ZWARler von Wie-So wissen und besuchten die traditionsreiche Schuhfabrik Ara in Langenfeld.

Er nahm die Schuhe in die Hand, um sie näher zu betrachten: sie waren so sauber gearbeitet, daß kein Stich daran falsch war, gerade als wenn es ein Meisterstück sein sollte.

Die Wichtelmänner, Brüder Grimm

Gleich zu Beginn musste uns Thorsten August, Leiter der Musterfertigung bei ara, „den Schuh ausziehen“, dass hier eine Fabrik ist. Seit etwa drei Jahren befindet sich am Standort keine Fertigung mehr. Gefertigt wird in Portugal, Rumänien und Indonesien. Das ist den Arbeitslöhnen und den Verkaufspreisen geschuldet. Denn billige Lederschuhe kann man eigentlich gar nicht produzieren, dafür steckt zuviel Handarbeit drin, wie wir sehen werden.

Schuhdesigner Leonard Kahlcke versteht nicht, dass alle Welt hochtechnisierte Smartphones nutzt, aber Schuhe trägt, die schlecht passen.

FAZ 11.2.2020
Es steckt noch lange nicht im Karton, was drauf steht

In Langenfeld werden dafür alle ara Damenschuhe entworfen und als Muster hergestellt. Und was ist mit den Herrenschuhen? Nun, diese werden zugekauft. Das ist in der Branche so üblich. Deswegen produziert auch ara für andere Marken Schuhe.

Leder und Zuschnitt

Thorsten August führte uns durch die Musterfertigung und erklärte an zahlreichen Stellen ausführlich, welche Arbeitsschritte dort gefertigt werden. Dabei konnten wir den Facharbeitern über die Schulter und auf die Finger gucken. Dieser Prozess wird Nest­fer­tigung genannt. 

Alles beginnt mit dem Leder. Diese werden fertig gegerbt meist aus Fernost eingekauft. Ein schwieriges Thema, wenn es um den Gerbungsprozess geht. Heute kann man vegetabil gerben, also mit rein pflanzlichen Mitteln. Aber die Chromgerbung führt zu einem weichen, leichten und biegsamen Leder und wird dementsprechend beim Oberleder verwandt. Dabei vergleibt aber Chrom(III) im Leder und kann z.B. Allergien auslösen. Das Chrom(III) kann sogar nachträglich zu Chrom(VI) oxidieren, was als stark krebserregend gilt. Deshalb werden bei ara aus Sicherheitsgründen keine Lederreste verschenkt.

Ich würde Lederschuhe nie ohne Söckchen tragen.

Thorsten August, ara

Für ein paar Damenschuhe braucht es ein ganzes Ziegenleder. Dieses kostbare Rohmeterial kann bis zu 50% des Preises eines Schuhs ausmachen. Für jeden Schuh werden manuell die Schnittteile auf dem Leder verteilt, damit alles Platz findet. In Langenfeld hilft ein Computerprogramm dem Zuschneider, der die notwendigen Teile aus einer Liste nimmt und mit Hilfe einer Projektion auf das Leder verteilt. Das fertige Ergebnis wird gespeichert und auf dem Schneidetisch wieder auf das Leder projeziert. Folie drauf, mit Unterdruck Leder und Folie am Tisch rutschfest ansaugen und die Messer des Vollautomaten schneiden alle Teile exakt aus.

So modern geht es nicht überall zu. In der Produktion werden in der Regel noch Stanzen verwendet.

Vom Leder zum Schuh

Die Musterfertigung ist mit vielen Arbeitsplätzen und Maschinen versehen, wovon für die Fertigung während unseres Besuchs nur einige benötigt wurden. Außer den Steppmaschinen ist hier eine Druckmaschine zu sehen, mit der z.B. die Größenangaben im Schuh gedruckt werden können. Wir haben einer Stepperin zugeschaut, die aus je zwei Teilen die Ferse und die Lasche gesteppt hat. Zuvor wurde ein Zwischenstoff und ein Futter aufgeklebt. Bei den Nähten wurden auf einer zweiten Maschine die überflüssigen Lederteile abgeschnitten und die Kanten flach „gebügelt“ und mit einer dritten Maschine wurde ein Band aufgeklebt, damit es eine glatte Oberfläche gibt.

Ganz schön viel Arbeit. So ein Schuh kann aus bis zu 160 Einzelteilen bestehen, die ebensoviele meist manuelle Arbeitsschritte erfordern.

Der Mensch hat zweiunddreißig Eigenschaften, der Schuh aber sechsunddreißig.

Sprichwort Indien
Vom Scheitel bis zur Sohle

Ein Schuh besteht aus zwei Hauptteilen: Schuhschaft und Schuhboden. Durch eine Vielzahl von kleinen Details und Ver­stärkungen wird der Schuh zu dem qualitativ hoch­wer­tigen Produkt. Die Tragekonstruktion des Schuhs ist der Rahmen aus Leder, der Brandsohle und Sohle zusammen. Gelenkfeder und Gelenkstück zwischen Brandsohle und Laufsohle bietet dem Fuß beim Gehen einen sta­bilen Halt.

Nachdem Schaft und Boden erstellt worden sind, muss noch die Laufsohle ran. In der Regel werden die Teile von Hand zusammen genäht, was gut eine Stunde oder mehr dauern kann. Innen zwei Löcher vor und außen ein Loch zurück und immer mit der gleichen Festigkeit mit einem einzigen Faden. Wenn der Faden reißt oder am Ende Schaft und Boden nicht zusammen passen, heißt es alles aufmachen und von vorne anfangen.

Eine andere Möglichkeit, Schaft und Boden zu verbinden, ist das Verkleben. Auf dem Wärmegitter wird der zuvor aufgetragene Kleber angewärmt und dann mit Hilfe einer Presse fest zusammengedrückt. (Fasst) fertig ist der Schuh.

Eine weitere Technik ist das direkte Anspritzen der Laufsohle an den Schuhschaft, die aber nicht bei Lederschuhen angewendet wird. Das kennt man z.B. von Sneakers.

Der Spazierstock steht für die Würde des Menschen, der Schnurrbart für die Eitelkeit, und die ausgelatschten Schuhe für die Sorgen.

Charlie Chaplin
Feinschliff

Während der Montage hat jeder Schuh seine Leisten. Je nach Modell bekommt der Schuh seinen passenden Absatz aufgenagelt.

Den letzten Schliff bekommen die Schuhe in der Montageabteilung. Die Schuhe werden für die Auslieferung an den Händler vorbereitet. Eventuell wird Schuhcreme aufgetragen und das Leder fein poliert.

Damen und Herrenschuhe im ara Shop
Dank

Diese kleine Reise durch die Fertigung von Schuhen kann nur ein winziger Abriss dieser komplizierten Materie sein. Interessanter und lebendiger als ein Besuch in einem Industriemuseum war es vor allem wegen der beteiligten Menschen.

Zu guter Letzt hat uns Thorsten August bescheinigt, dass wir ein sehr aufmerksames Publikum waren. Er hat sich sehr über das große Interesse und die vielen Sachfragen gefreut. Die Führung mit uns hat ihm Spaß gemacht und er hat bedauert, dass die Zeit so begrenzt ist. Aber er macht diese Führung nun mal zusätzlich zu seiner normalen Arbeit. Gruppen wie wir sind aber dennoch gerne bei ara gesehen.

Der Besuch bei ara endete mit einer Einladung zu einem Frühstück, bei dem unser Fachmann weitere der nie enden wollenden Fragen beantwortete. Ein großer Dank geht an Thorsten August von ara und unserem Wolfgang, der diese Führung möglich gemacht hat.

Hinweis: Angemeldete Leser finden im Artikel einige Bilder.

Ein Gedanke zu „ara – So wird ein Schuh draus

  • 27. Februar 2020 um 14:52
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    Ein absolut beeindruckender Bericht. Da konnte man nochmal in Gedanken durch die Fabrik gehen….
    Sabine

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